Wie man eine … pädagogisch wertvolle … Weihnachtsgeschichte vorliest

 

 

Weihnachtszeit, Vorlesezeit. Draußen ist es beinahe kalt, drinnen brennen die Kerzen, die Räuchermännchen räuchern vor sich hin, die Plätzchen sind ein wenig angebrannt, der Früchtetee ist viel zu süß. Ich mummel mit dem Nachwuchs auf der Couch – und lese vor. Bzw. versuche es:

Eine Weihnachtsgeschichte
Der Weihnachtmann setzte sich in den Schlitten …

„Und wo sitzt das Christkind?“, fragt das Kind, bevor ich richtig angefangen habe.
„Das Christkind? Ähm, das sitzt, ähm, hinten.“
„Warum darf das Christkind nicht den Schlitten lenken?“
Und schon sind wir mitten in der Genderproblematik. Es kann ja nicht sein, dass das Christkind, als naja, quasi Mädchen, den Schlitten nicht lenkt.
Räuspern. Korrektur:

Der Weihnachtsmann und das Christkind setzten sich in den Schlitten. „Hohoho“, rief der Weihnachtsmann und das Christkind lenkte die Rentiere.

„Warum ziehen Rentiere den Schlitten?“ Prompt die nächste Unterbrechung.
„Wer soll ihn denn sonst ziehen?“
„Ich mag Pferde, Pferde wollen bestimmt auch mal den Schlitten ziehen.“
Also gut, ich will ja keine Tiere diskriminieren:

Der Weihnachtsmann und das Christkind setzen sich in den Schlitten. „Hohoho“, rief der Weihnachtsmann und das Christkind lenkte die Rentiere und PFERDE. Die Wichtel saßen hinten bei den Geschenken.

„Was sind Wichtel?“
„Die Helfer vom Weihnachtsmann. Und vom Christkind, natürlich!“
„So was wie Kobolde?“
„Ja, so was, nur eben viel netter. Die Kobolde sind gemein und deswegen dürfen sie dem Weihnachtsmann nicht helfen.“ Ha! Gleich was für die Erziehung getan.
„Aber der Alexander ist auch immer gemein und trotzdem sagen die Erzieher, wir müssen ihn mitspielen lassen!“
An der Stelle ziehe ich mir den Pullover aus, denn ich komme ins Schwitzen. Also:

„Hohoho“, rief der Weihnachtsmann und das Christkind lenkte die Rentiere und Pferde. Die Wichtel und die INTEGRATIONSKOBOLDE saßen hinten bei den Geschenken.
Die braven Kinder in den Stuben hatte schon Plätzchen und Milch für den Weihnachtsmann bereitgestellt und freuten sich auf die Bescherung.

„Warum bekommt der Weihnachtsmann Kekse und das Christkind nicht?“
WEIL DAS CHRISTKIND IMMER 3 PFUND ZULEGT IN DER ADVENTSZEIT UND AB DEM HEILIGEN ABEND AUF DIÄT IST!
Das sage ich natürlich nicht. Sondern etwas wie: Das Christkind ist gegen Nüsse allergisch, deswegen nimmt es sich einen Apfel oder eine Orange aus der Obstschale. (Der Umstand, dass jemand freiwillig Obst isst, sollte erwähnt werden.)
Gerade in dem Moment, in dem ich denke, die Sache ist durch, fällt dem Nachwuchs ein, sich für die geographische Frühförderung zu rächen:
„Was ist denn eigentlich mit Australien?“
„Australien? Wieso Australien?“
„Ja, da ist doch Sommer! Da ist dem Weihnachtsmann doch viel zu warm in seinem dicken Mantel.“
Also noch mal von vorn:

Der Weihnachtsmann und das Christkind setzten sich in den Schlitten. Da sie einen weiten Weg vor sich hatten und es in Australien und Afrika sehr warm war, hatten die Wichtel und Intergrationskobolde weihnachtsmannrote Shorts und ein dünnes Sommerkleidchen mit Sternen eingepackt.
„Hohoho“, rief der Weihnachtsmann und das Christkind lenkte die Rentiere, Pferde, Zebras und Kängurus. Die Wichtel und die Integrationskobolde saßen hinten bei den Geschenken.
Die braven Kinder in den Stuben hatte schon Plätzchen und Milch und einen Obstkorb bereitgestellt und freuten sich auf die Bescherung.

„Duhu?“
„Was!“
„Also die Salina-Serafina aus der Gruppe von Frau Eisenstein sagt, sie bekommt nichts vom Weihnachtsmann, weil sie Buddhistin ist. Heißt das, Buddhisten sind nicht brav gewesen? Oder warum kriegen die keine Geschenke?“
Das ist der Moment, an dem es gilt das Buch zuzuklappen, die Hände in den Schoß zu legen, das Kind ernsthaft anzusehen und den magischen Satz zu sprechen:
„Magst du nicht lieber ein bisschen Fernsehen?“